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Gabelbach bei Augsburg

Orgel, Gabelbach bei Augsburg

Gabelbach bei Augsburg

Im Jahr 1609 erstellte Marx Günzer für die Augsburger Barfüßerkirche ein Instrument mit neun Registern im Manual und einem Register im Pedal. Schon damals sorgte dieser Neubau für weites Aufsehen, was sich aus einem Eintrag in eine zeitgenössische Chronik ablesen läßt. Unter den zahlreichen über die Rechnungsbücher der Barfüßerkirche nachweisbaren Reparaturen sind zwei substanzielle Eingriffe hervorzuheben. 1708 musste Anton Berger aus Augsburg neue Bälge einrichten, von ihm stammt auch der Subbaß. 1735 war der Kaufbeurer Orgelmacher Johann Cronthaler an der Orgel tätig. Aller Wahrscheinlichkeit ersetzte er die Quinte 3’ durch eine Gamba 8’. Trotzdem versah die Orgel über gut 150 Jahre ihren Dienst. Zum 200. Jubiläumsjahr des Augsburger Religionsfriedens 1755 plante man eine neue Orgel in der Barfüßerkirche errichten zu lassen. Daher wurde Günzers Werk von 1609 abgebaut, in der Zeitung inseriert und nach Gabelbach verkauft, wo es 1758 seinen heutigen Platz auf der oberen Empore fand. Welchen Anteil an diesem Transfer Johann Andreas Stein hatte, ist nicht zu klären. Er war mit dem Neubau in der Barfüßerkirche beauftragt. Die beim Verkauf der alten Orgel erlösten 250 Gulden wurden zur Abzahlung des über 10.000 Gulden teuren Stein-Instrumentes verwendet.

1858 und 1874 war der Günzburger Orgelbauer Anselm Roschmann in Gabelbach tätig. Er brachte durch Umstellungen und Veränderungen am Pfeifenwerk den Stimmton vom alten Cornetton auf die nun gebräuchliche Höhe. Mit Zubauten beseitigte er die Lücken der kurzen Oktav und ergänzte den Tonumfang auf insgesamt 54 Töne. Dafür opferte Roschmann die Spielanlage Günzers zugunsten eines freistehenden Spieltisches mit Blick zum Altar. Außerdem verschloss er den Pfeifenstock von mehreren Registern, um ein neues Salicional 8’ sowie eine Flöte 4’ und eine 3fache Mixtur aus barockem Pfeifenmaterial einbauen zu können. Dabei gingen die originalen Register Mixtur 6 f., Cimbel 2 f. und Hörnle 2 f. verloren. Ein Teil der Posaune 8’ wurde im Pedal weiter verwendet.
Da die Erweiterungen die räumlichen Kapazitäten des Gehäuses überstrapazierten, begann ein schleichender Prozess der Selbszerstörung, der das Instrument zu Beginn des 20. Jahrhunderts unspielbar machte. Obwohl mehrere Sachverständige eine Beseitigung der Orgel gefordert hatten, rettete ihr ein Gutachten von Joseph Wörsching das Leben. Wörsching hatte aus dem Zusammenhang mit der Versetzung aus der Augsburger Barfüßerkirche gefolgert, ein grosser Teil des Materials ginge auf Johann Andreas Stein zurück. Daher sollte dieses Denkmal der Silbermann-Stein-Schule erhalten bleiben. 1934 führte die Augsburger Firma Dreher nach Wörschings Plänen die Instandsetzung durch. Die noch vorhandene Substanz wurde mit Ausnahme der noch vorhandenen Pfeifen der Posaune weitestgehend übernommen. Zur Vervollständigung des angenommenen barocken Charakters fügte Dreher ein zweites Manual hinzu. Die Traktur sollte leicht und elegant gehen und wurde daher pneumatisch gebaut. Die originale Schleiflade Günzers versah man mit Barkerhebeln zur Öffnung der Ventile.
Als in der Zeit um 2000 mehr und mehr technische Probleme die Funktionsfähigkeit zu beieinträchtigen begannen, entschloss sich die Kichengemeinde zu einer grundlegenden Sanierung. Vom Greifenberger Institut für Musikinstrumentenkunde wurde eine Dokumentation mit Befundsicherung durchgeführt. Von der historischen Substanz sind trotz der zahlreichen Eingriffe weite Teile erhalten geblieben, neben Gehäuse und Windlade auch etwa 50 % der Pfeifen sowie drei Bälge von 1708. Recherchen in den Archiven brachten die originale Disposition und wichtige Details über die Bauweisen Günzers ans Licht. Die Spielanlage kann nach Spuren der Registermechanik und noch vorhandenen Resten des Wellenbrettes rekonstruiert werden. Zuletzt konnte sogar die Vorrichtung zum Spielregister Vogelgeschrei unten an der Windlade entdeckt werden.

Disposition:

I/P, 9+2

Manualumfang C, D, E, F, G, A, B-c3 (45 Töne, kurze Oktav)

Pedal C, D, E, F, G, A, B-b°
Principal 8’
Posaune 8’
Cimbel 2 f.
Hörnle 2 f.
Mixtur 4-6 f.
Superoktave 2’
Quinte 3’
Oktave 4’
Copel 8’

Subbaß 16’ (Anton Berger 1708)
Violonbaß 16’ (18. Jh.)
Vogelgeschrei, Pauken, Tremulant
Pedal über Koppelventile mit dem Manual verbunden. Koppel abstellbar.

 

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