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Houdan, Église Saint-Jacques et Saint-Christophe

Houdan, Église Saint-Jacques et Saint-Christophe

Erhaltungszustand: Die Clicquot-Orgel (1734–39) in Houdan ist in vielfacher Hinsicht der Traum eines Orgelrestaurators: Einerseits blieben alle wesentlichen Teile erhalten – von der Windversorgung bis zu den Pfeifen auf den originalen Windladen, von der Taste zum Spielventil. Andererseits wurde diese Orgel in den 270 Jahren ihrer Existenz keinen Eingriffen unterzogen, so dass ihr Charakter nicht im Geringsten beeinträchtigt erscheint.
Die Orgel in Houdan ist daher klanglich und konstruktiv der lebende Inbegriff der klassisch-französischen Orgel.



Im Westen der Île-de-France, dem Herzen Frankreichs, liegt das Département Yvelines (ehemals zum Département Seine-et-Oise gehörig), in welchem nicht nur Versailles liegt, sondern auch eine kleine Gemeinde, Houdan, 50 km westlich von Paris, die seit alters her durch Geflügelzucht auch zur Versorgung der nahen Hauptstadt beitrug. Im 15. und 16. Jahrhundert konnte man sich den Ausbau der Kirche Saint-Jacques Saint-Christophe zu einem spätgotischen Bau leisten, dem ein Renaissance-Chor angeschlossen wurde.
Seit 1734 baute Louis-Alexandre Clicquot (1684-1760) hier eine Orgel mit 21 Registern verteilt auf zwei Manuale (Grand-Orgue und Positif) und das Diskantmanual des Récit. Das Pedal wurde als angehängtes Pedal ausgeführt.
Louis-Alexandre Clicquot vertritt die mittlere Generation derjenigen Orgelbauerfamilie, deren Name als Synonym für die klassisch-französische Orgel steht. Louis-Alexandres Vater Robert Clicquot (1645-1719) baute u. a. die Orgel für die Schlosskapelle Chapelle Royale in Versailles, während sein Sohn François-Henri (1732–1790) durch die Orgeln in Souvigny  und Poitiers bekannt ist.

Der Orgelbau in Houdan sollte zwar bis Ende 1736 fertig gestellt sein, aber es kam zu Verzögerungen, die sogar ein Gerichtsverfahren nach sich zogen, das Clicquot verlor und die Abnahme des Baus zögerte sich bis 1739 hinaus.
Die Orgel wurde ohne weitere Eingriffe durch die Wirren der Revolution in das 19. Jahrhundert gerettet. Immerhin war die Kirche 1790 „dem Höchsten Wesen und der Unsterblichkeit der Seele“ gewidmet worden.
Im Grunde man sah sich nur genötigt, das Instrument von Zeit zu Zeit zu reinigen! Eine Chororgel, die 1873 angeschafft wurde, kam gewissermaßen zu rechter Zeit um das Interesse von dem Umbau des historischen Instruments abzulenken. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Orgel unspielbar, und Anfang der 1930er Jahre lagerte man das fast vollständig erhaltene Innere ein, um orgelbauliche Maßnahmen einleiten zu können. Verschiedene Umstände bewahrten die Orgel jedoch weiterhin vor Eingriffen, die vermutlich den Bestand gefährdet hätten. 1967–72 bauten die Orgelbauer Robert und Jean-Loup Boisseau die Orgel wieder auf und machten sie spielbar. Diese Aufgabe wurde mit großer Zurückhaltung und Respekt vor dem erhaltenen Bestand ausgeführt: Erhalten sind:
–alle Pfeifen, außer Pfeifen der Doublette und der Mixtur
– die Windladen (Schleifladen) der Grand-Orgue und des Positif, die als durchschobene Lade ausgeführt sind
– die einfache Schleiflade des Récits
– die Manual- und die Klaviatur für das angehängte Pedal (französische „Messerrücken“-Tasten)
– die Spiel- und Registertraktur
– die drei Keilbälge und die Windkanäle.

1994 sanierten Jean-Loup Boisseau und Bernard Cattiaux die durchschobene Lade aus und reinigten das Pfeifenwerk.

Musikbeispiel:

Jean-Adam Guilan (1680-1739): Suite du premier ton: Dialogue
Gespielt von Andre Isoir

Disposition

Grand-Orgue (GO),
II. Manual CD–c’’’

Montre 8’
Bourdon 8’
Prestant 4’
Nazard 2 2/3
Doublette 2’
Quarte de Nazard 2’
Tierce 1/3/5’
Grand Cornet V
Plein Jeu IV
Trompette 8’
Voix humaine
Clairon 4’

Positif (Pos), I. Manual
CD–c’’’

Bourdon 8’
Flûte 4’
Nazard 2 2/3’
Doublette 2’
Tierce 1/3/5’
Plein Jeu V
Cromorne 8’


Récit (Réc), III. Manual
c’–c’’’

Grand Cornet V
Trompette 8’


Pédale (P), angehängt an GO
C–c’

Tremulant: Tremblant doux (langsamer Tremulant); Tremblant fort (schnellerer Tremulant)

Drei alte Keilbälge

Koppeln:
Pos/GO

Stimmtonhöhe: a’ = ca. einen Ganzton unter 440 Hz
Stimmung: Mitteltönig


Literatur:
Henri Delorme: ”Houdan. Église Saint-Jacques Saint-Christophe.” In: Orgues en Île-de-France, Paris. 16e congrès international de la FFAO. 12 au 16 Juillet 1999, hrsg. v. Henri Delorme, Jean-Louis Coignet u. Pierre Dumoulin. Lyon, 1999. = L’orgue francophone congrès (1999; ISSN 0985-3642).

 

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