Zur Startseite

Einleitung: England (und Nordamerika)

Die englische Orgelkultur begann nach der Restauration der Monarchie fast von einem Nullpunkt. Das streng puritanische Cromwell-Regime hatte die Orgel aus dem Gottesdienst verbannt, die meisten Instrumente waren im Verlauf des Bürgerkriegs ohnehin zerstört worden und nur einige wenige ältere Orgeln hatten diese Zeit, meist demontiert oder in Privathäuser verbracht, überdauert. Der Bedarf an Neubauten war in den Jahrzehnten nach 1660 immens. Zwei Immigranten und herausragende Meister des Fachs, Renatus Harris, geboren in Frankreich aus einer Familie englischer Orgelbauer, und Bernhard Schmid, genannt Father Smith, aus der Umgebung von Halle, fanden ein nahezu unerschöpfliches Arbeitsfeld vor.

Englische Orgeln des 17. und 18. Jahrhunderts unterschieden sich in manchen Details von Instrumenten auf dem Kontinent, doch weisen sie einige auffällige Ähnlichkeiten mit nordfranzösischen Orgeln (vor allem aus den Regionen entlang der Küste) auf, sowohl in der Prospektgestaltung wie auch im Fehlen eines Pedals selbst bei zwei- und dreimanualigen Instrumenten (in Frankreich eher selten, in England häufig). Die Registerzusammenstellung mutet wiederum etwas italienisch an, denn neben der ausgebauten Prinzipalstaffel (8’/4’/3’/2’ „Open diapason / Principal / Twelfth / Fifteenth“) kommen nur wenige Register anderer Bauart vor – das „Stopped diapason“/Gedackt, manchmal auch eine „Flute“, die Sesquialtera und ein oder zwei Zungenregister. Das gelegentlich gebaute „Cornet“ und die Zungenregister sind wieder französischen Vorbildern verpflichtet (wie das Register „Cremona“, verballhornt aus frz. „Cromorne“), doch der Ausbau der Manuale oft bis F’, Experimente mit geteilten Registern sowie die im 18. Jahrhundert zunehmend gebauten Schwellkästen erinnern ihrerseits an spanische Orgeln.

Smith und Harris galten schon ihren Zeitgenossen als Vorbilder für den Orgelbau nachfolgender Generationen. Viele ihrer Schüler und Nachkommen pflegten ihren Stil bis weit ins 18. Jahrhundert hinein. Zwischen Smith und Harris spielte sich im Mai 1684 ein einzigartiges und geradezu kurioses Ereignis ab, die „Battle of the Organs“ in der Inner Temple Church zu London. Die Gemeinde hatte Aufträge für je eine Orgel an beide Orgelbauer vergeben mit der Auflage, dass dasjenige Instrument erworben werden sollte, das „the greatest number of excellencies“ aufwies. Die fertigen Instrumente sollten dabei von den besten Organisten Londons vorgeführt werden. Die Auseinandersetzungen wurden schon im Vorfeld hitzig geführt, und noch in der Nacht vor dem letzten Vorspiel sollen Harris’ Anhänger die Bälge der Orgel seines Konkurrenten aufgeschnitten haben. Smith trug letztlich auch dank des Spiels zweier der bedeutendsten Organisten seiner Zeit, Henry Purcell und John Blow, die seinem Instrument den Vorzug gaben, den Sieg davon, doch fiel die Entscheidung erst 1688 und er bekam für sein Instrument die erstaunlich hohe Summe von ₤ 1000.

Die schon früh zu erkennende Typisierung der englischen Orgeln mag zum späteren Umgang mit ihnen beigetragen haben: Wohl nirgendwo sonst in Europa „wanderten“ Instrumente so häufig von einem Ort zum nächsten, wurden Werk und Gehäuse voneinander getrennt weiterverkauft, alte Werke in neue Gehäuse, neue Werke in alte Gehäuse usw. eingestellt, Rückpositiv und Hauptwerk an verschiedene Orte, einzelne Register separat anderswohin verbracht usw. usw. – die Qualität eines Orgelbauers erwies sich nicht zuletzt in der Dauerhaftigkeit seiner Arbeit unter derartigen Bedingungen und dies führte zu dieser nunmehr selbst Jahrhunderte währenden Nach-Nutzung alter Orgeln, ganz oder in einzelnen Bestandteilen. Orgelgehäuse des 17. und 18. Jahrhunderts sind dabei noch seltener erhalten als Orgelwerke (im Gegensatz zu anderen Ländern!), denn die weitreichende Strömung des frühen 19. Jahrhunderts, ältere Kirchenräume in einen „rein gotischen“ Stil zurückzuversetzen, richtete sich vor allem gegen die als stilfremd empfundenen Gehäuse, die während dieser Epoche keine Abnehmer mehr fanden und zerschlagen wurden.

Cambridge King´s College Chapel
Cambridge King´s College Chapel

Eine weitere Besonderheit englischer Orgeln ist die Wahl des Aufstellungsortes. Während in katholischen und protestantischen Kirchen des Festlands die Lettner zwischen Chor und Langhaus weitgehend abgetragen wurden, hielt die anglikanische Kirche oft bis in die Gegenwart daran fest, und bewahrte so in vielen Fällen einen der traditionellen und akustisch denkbar günstigsten Standorte für die Orgel inmitten des Raumvolumens. Eine Lettnerorgel forderte vom Orgelbauer zwar, dem Gehäuse zwei Schauseiten zu geben, doch war so auch mit der traditionell relativ geringen Registerzahl eine beeindruckende Klangwirkung zu erzielen.

In den nordamerikanischen Kolonien wurden erst im Laufe des 18. Jahrhunderts Orgeln in einzelnen Kirchenbauten errichtet, zunächst vor allem in lutherischen und hussitischen („Moravian Brothers“) Glaubensgemeinschaften, die schon in Europa Orgelmusik in der Liturgie besonders gepflegt hatten. Ihre Ansiedlungen waren häufig nicht sehr groß, doch waren ihre Bewohner nicht als einzelne Auswanderer, sondern häufig zusammen als geschlossene Gruppe in die Neue Welt emigriert, und so bildete der Bau einer Kirchenorgel nicht nur ein Erinnerungssymbol an die alte Heimat, sondern auch ein Ausweis der Prosperität der neuen Gemeinden. Deren religiöse und soziale Homogenität führte allerdings nicht selten langfristig zu einer Stagnation in der Bevölkerungszahl und Wirtschaftskraft, die dazu beitrug, die Kirchenbauten und Orgeln der Gründungsphase solcher Gemeinden lange zu bewahren.

Es handelte sich meistens um relativ kleine Instrumente, da in jenen Zeiten die Kirchen, in denen sie standen, ebenfalls nicht sehr groß waren; sowohl diese als auch die Orgeln hatten oft etwas Provisorisches an sich, und so ist die Zahl der erhaltenen Denkmäler jener Zeit sehr gering.

© Greifenberger Institut für Musikinstrumentenkunde 2015 | info@greifenberger-institut.de